Trotz allem: Ja zum Leben

Hilfe für Angehörige von Burnout Betroffenen

Die wichtigste Nachricht für vom Burnout Betroffene und Burnout Angehörige ist, dass das Syndrom heilbar ist und ohne Blessuren für die Familie überstanden werden kann. Der Wermutstropfen lautet, dass leider bei unzureichender Intervention eine Trennung vom Ehepartner/Lebensgefährten droht, was zu den klassischen Burnout-Folgen gehört. Burnout Angehörige sollten sich daher sehr eingehend mit der Problematik befassen und sich auf eine mehrmonatige Dauerkrise einstellen. In dieser Phase erreichen die innerfamiliären Spannungen nahezu täglich ein schier unerträgliches Maß.

Das Verhältnis Betroffener – Angehöriger

Angehörige sind der unmittelbare Nahbereich der Familie, mit der die vom Burnout betroffene Person zusammenlebt. Das Verhältnis zu entfernt lebenden Angehörigen kann in dieser Phase auf Eis gelegt werden, was im Einzelfall hinterfragt werden muss. Wenn das Burnout-Opfer zu Eltern und Geschwistern oder einem nahen Freund ein sehr gutes Verhältnis pflegt, können diese Personen beziehungsweise eine oder zwei Vertrauenspersonen durchaus einbezogen werden, hier ist allerdings das Zeitkontingent aller Beteiligten zu hinterfragen. Burnout entsteht schließlich durch Stress, Ruhe wäre die erste Bürgerpflicht. Zusätzliche Diskussionen mit Mutter und Vater oder Bruder und Schwester könnten den Stress verstärken, wenn diese Personen nicht sehr kompetent reagieren. Zudem kann der Stress aus einem prekären psychischen Familienvertrag resultieren, was bei übersteigertem Leistungsehrgeiz – dem häufigsten Auslöser des Burnouts – per se zu vermuten ist. In diesem Fall kann eine Beziehung zu den Eltern kontraproduktiv wirken, sie kann sich allerdings auch als überaus heilsam erweisen, wenn die Eltern einen Bruch mit früheren Anweisungen – “sei erfolgreich!” – eindeutig und unwiderruflich vollziehen. Eine noch komplexere Rolle fällt den Schwiegereltern zu, im Zweifelsfall ist von einem Kontakt in der Erkrankungsphase eher abzuraten. Der nächste und am meisten betroffene Burnout Angehörige ist der Lebenspartner, unmittelbar gefolgt von im Haushalt lebenden Kindern und anderen Angehörigen. Das Verhältnis zum Lebenspartner muss von beiden Seiten hinterfragt werden. Handelt es sich um eine stabile, langjährige Beziehung, kann Nähe helfen. Andernfalls wird eher zu gesunder Distanz geraten.

Produktive und kontraprodukte Kooperation

Die Angehörigen, vorrangig die Ehe- oder Lebenspartner, kooperieren in jedem Fall mit dem Burnout-Kranken, egal was passiert. Selbst wenn dieser sich auf eine Kur begäbe, wozu durchaus zu raten ist, kommt es darauf an, inwieweit die Kommunikation aufrechterhalten und was genau kommuniziert wird. Mit folgenden kritischen Symptomen sollte der Intimpartner rechnen:

  • mangelnde Kommunikation wechselt mit überbordenden, erschöpfenden (nächtelangen) Diskussionen
  • Sex gerät aus dem Rhythmus, wobei sich manische Zuwendung mit totaler Verweigerung abwechseln können (adäquat den Gesprächen)
  • Intimität kann vom Burnout-Betroffenen entweder gar nicht oder nicht nach den Wünschen der Partnerin/des Partners hergestellt werden, was Frauen als Angehörige überaus belastet
  • massive Drogenprobleme, möglicherweise Aggressionen und Gewaltausbrüche, aber auch große Suizid- und Unfallgefahr
  • Schlaflosigkeit des Burnout-Betroffenen belastet den Haushalt
  • finanzielle Probleme
  • ambivalente Meinungen, Schwankung zwischen “Rettungsanker Ehepartner” und “wir müssen uns trennen”
  • je nach Charakter eventuelle Tendenz zu außerehelichen Flirts und dem Versuch sexueller Ausbrüche, wobei Männer einen fatalen Hang zu Prostituierten entwickeln können

All diese Symptome sind der Versuch des Betroffenen, seine Situation zu bewältigen, die sich ihm bisweilen als Gefängnis von Verpflichtungen darstellt. Wichtig für den Intimpartner ist dabei, dass auch mit großem Pathos vorgetragene Ansichten – “du musst mir helfen und mein Leben retten”, “ich kann mit dir nicht leben, nur eine Trennung rettet mein Leben” – keinesfalls auf die Goldwaage gelegt werden dürfen. Wenn es zur Trennung kommt, vollziehen diese die beiden Partner stets nach dem Burnout, wenn sie sich auf einer neuen Beziehungsebene, das Burnout-Opfer möglicherweise auf einer neuen sozialen Stufe wiederfinden. Dahin muss es aber nicht kommen. Die Partnerin/der Partner könnten auf folgende Weise kontraproduktiv kooperieren:

  • auf Diskussionen eingehen und versuchen, die Argumente des Burnout-Opfers verzweifelt zu widerlegen – kontraproduktiv
  • auf Sex drängen oder sich dem Sex dauerhaft verweigern – kontraproduktiv
  • den Betroffenen nach einem heftigen Konflikt allein lassen – kontraproduktiv und für den Betroffenen möglicherweise lebensgefährlich
  • inkompetente, negativ eingestellte Dritte einbeziehen, zum Beispiel die eigenen Eltern, die den Partner latent nicht mögen (“er ist nicht gut genug für dich”) – kontraproduktiv

 

Die produktive Kooperation geht keinesfalls auf alle Schikanen des Burnout-Opfers ein, sondern wendet folgende Strategien an:

  • gesundes Maß zwischen Nähe und Distanz
  • in ruhigen Momenten die Versicherung, dass frau/man bedingungslos zum Partner/zur Partnerin steht
  • Kinder aus der “Schusslinie” bringen, ihnen die Situation erklären
  • entlastende Momente inklusive behutsamer Sexualität und Intimität schaffen
  • eigene Ruhezonen schaffen, dies dem Betroffenen unbedingt erklären
  • sich gemeinsam mit dem Betroffenen intellektuell mit der Thematik auseinandersetzen
  • prinzipielle Diskussionen um die Beziehung strikt vermeiden – kennengelernt hat man sich ohne Burnout, miteinander weiterleben wird man auch ohne Burnout
  • größte Behutsamkeit mit Informationen gegenüber der Außenwelt, diese mit dem Betroffenen unbedingt abstimmen

Im besten Fall beweisen sich die Partner in dieser wirklich schweren Krise ihre Liebe, die Beziehung geht gestärkt daraus hervor. Wenn das nicht geschieht, hat sich dennoch niemand etwas vorzuwerfen. Burnout ist eine so schwere Krankheit, dass von Angehörigen Übermenschliches abverlangt würde, sollten sie wirklich alles richtig machen.

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